Die Ursprünge der Rhetorik

Die ersten Ansätze für die Verwendung rhetorischer Mittel gehen auf das 8. Jahrhundert vor Christus und damit auf die Werke Homers’, „Ilias“ und „Odyssee“ zurück. Laut Lohmann, dem ehemals Beauftragten für Fachdidaktik der alten Sprachen an der Universität Tübingen, verwendet Homer in seinen Epen bereits sprachliche Strukturen und einen systematisch gegliederten Aufbau.[1] Textpassagen der Werke belegen, dass Homer der Verwendung von rhetorischen Elementen eine große Bedeutung zuschrieb. Hierzu formulierte er Leitsätze zur Anwendung rhetorischer Formen. Diese beinhalteten ein Regelwerk für einen logischen Aufbau sowie für die Strukturierung von Texten. Damit gilt Homer als Mitbegründer der Rhetorik.

Von 450 bis etwa 380 vor Christus galt die Rhetorik unter den Sophisten, Vielgebildete der griechischen Antike, vor Allem als eine Art Streitkunst. Bei politischen Redeschlachten oder anderen meinungsbildenden Prozessen fand Rhetorik als Überzeugungsmittel zum Beispiel in der Beweisführung Anwendung.[2]

Später dann, im 4. Jahrhundert vor Christus erschienen weitere Werke im Bezug auf die Methodik von Redekunst. Diese Schriftstücke gingen besonders auf die Wirkung von Rhetorikmaßnamen auf die Zuhörer ein. Wie man die Empfänger von einer Aussage  überzeugen kann, sowie sie anschließend zu bestimmten Handlungen zu bewegen. Bedeutende Denker der damaligen Zeit, wie Solon, Sokrates und Platon, gehörten dieser Gruppe an. Diese Meister der Kommunikation und deren Schüler verfolgten in der Lehre des redegewandten Sprechens jedoch verschiedene Ansätze. Platon gilt zum Beispiel als einer der Skeptiker der Redekunst. Er macht den Rednern seiner Zeit den Vorwurf die Empfänger durch künstlicher Mittel zu manipulieren.[3] Als Gegenentwurf der damals gängigen rhetorischen Techniken liefert Platon die Methode des gelungenen Dialogs: die Dialektik. Eine neue Form der Gesprächsführung, die ein Widerreden durch These und Antithese ermöglicht.

Laut Platon solle man sich nicht ausschließlich nur an „wahrscheinlichem“ Wissen orientieren, sondern dieses prüfen, um zur Wahrheitsfindung beizutragen. Durch das Aufzeigen von Pro und Contra gelange man erst zur eigentlichen Erkenntnis. Damit unterstellt Platon den Sophisten, dass sie ihre Wahrheit ohne Gegenargumentation präsentieren.[4]

Rhetorik in ihrer gesellschaftlichen Funktion

Platons Schüler Aristoteles (384 bis 322 vor Christus) verfasste zwei verschiedene Lehren: eine für die Poetik und eine für die Rhetorik. In der über Poetik wendet er sich vor allem der Lyrik zu. In dieser spannt Aristoteles erstmals einen Bogen um das Erzählte – den Aufbau der Dramaturgie.[5] Das Ziel, dass die Aufmerksamkeit des Empfängers, seine Neugier und die Spannung oder ein hoher Unterhaltungswert, bis zum Ende der Erzählung aufrecht erhalten werden.

In der Lehre über die Rhetorik widmet er sich der Alltagskommunikation und dem gesellschaftspolitischem Austausch. Aristoteles machte sich zur Aufgabe herauszufinden wie und warum Rhetorik wirkt. Ob in der Philosophie, Psychologie oder Literatur, die Wirklichkeit der Alltagswelt abzubilden, wie sie ist, stand immer im Fokus seiner Arbeit. In seinem Manuskript „rhetorike techne’ beschreibt Aristoteles welchen Effekt Sprache auf die Gesellschaft hat und wie sie Redner gezielt einsetzen können um Zustimmung zu erhalten.[6]

Sein Werk überprüft, ob die Glaubwürdigkeit von Gesagtem vielleicht einen größeren Anteil zum Erfolg der Überzeugungsarbeit beiträgt, als die Anwendung von Redetechnik allein. Laut seiner wissenschaftlichen Untersuchung bedarf es an Glauben erweckenden Aussagen, die dem Zuhörer plausibel und aller Voraussicht nach möglich erscheinen. Nur wenn sich das Gesagte als glaubwürdig erweist, wird es vom Gegenüber angenommen und erhält Zustimmung. Es ist sogar möglich, dass die Rezipienten nach gelungener Überzeugungsarbeit, entsprechend den Absichten des Senders handeln.[7] Diese Erkenntnis zeigte, wie machtvoll Rhetorik als Instrument in der gesellschaftlichen Funktion sein kann.

Aristoteles schreibt der Philosophie, also gedankenreichen Inhalten, eine höhere Bedeutung zu als einer einwandfreien Formulierung ohne glaubhafte Argumente.[8]

Beziehung zwischen Sender und Empfänger

Aristoteles erklärt die Rhetorik mehr als Wissenschaft der Glaubwürdigkeit und nicht als eine Art Anleitung zur Redekunst. Hinweise zu Stil und Anordnung eines Texts merkt er erst in seinem letzten Exemplar seiner Buchreihe zur Rhetorik an. Bei diesem Ansatz konzentriert sich Aristoteles verstärkt auf den Empfänger. Vom Empfänger hängt ab, ob dem gesprochenen oder geschriebenen Wort Glauben geschenkt wird. Auf ihn soll also die Hauptaufmerksamkeit gerichtet werden.

Wie bei jeder anderen Form von verbaler Verständigung sei laut Aristoteles auch in der Rhetorik der Sprecher-, Hörer- und Sachaspekt ausschlaggebend. Insgesamt drei Elemente dienen bei der Formulierung einer Rede als Überzeugungsmittel und treiben Glaubwürdigkeit auf der Zuhörerseite voran. Zum Einen der Charakter des Redners [ethos], der dabei hilft, den Hörer in eine gewisse Stimmung [pathos] zu versetzen, zum Anderen die Rede selbst d.h. durch Beweisen oder scheinbares Beweisen [logos]“ (Ar. rhet., 1,2,3).

Charakteristik von Meinungsführern in der Antike

Die Vertrauenswürdigkeit eines Redners, seine Stellung in der Gesellschaft, sein Ansehen und Verhalten im alltäglichen Leben wiegt mehr, als das sprachliche Niveau des Redners. Das Vertrauen gegenüber dem Sender bewirkt, dass sich der Empfänger mit dem Redner identifiziert, was die Überzeugungsarbeit leicht gestaltet.

Charaktereigenschaften eines Redners, die in diesem Prozess förderlich sind lauten: Verständnis, Wohlwollen und tugendhaftes Verhalten, z. B. im Sinne von Gerechtigkeit (Ar. rhet., 1,9,5). Durch rationales Argumentieren, sittliches Verhalten, emotionaler Untermalung des Gesprochenen, findet die Überzeugungsarbeit statt. Ein tugendhafter Redner wird erfahrungsgemäß von der Zuhörerschaft bevorzugt. Ihm wird generell mehr und schneller Glauben geschenkt.[10]

Empathische Redner, die sich an die Bedürfnisse der Empfänger richten, haben es leichter glaubwürdig und überzeugend zu sein.[11] Die durch den individuellen Umgang mit seinem Gegenüber resultierenden Verbindung ist bei meinungsbildenden Prozessen ein wichtiger Aspekt.[12]

Funktion der Rhetorik in der Antike

Die Rhetorik in der Antike war hauptsächlich politisch und gesellschaftlich bedingt. Sie diente bei öffentlichen Auftritten dabei das Publikum zu überzeugen und Wähler zu gewinnen. Vor Gericht galt sie als Instrument der Verteidigung und Beeinflussung von Richtern.[13] Auch verhalf sie Rednern bei festlichen Anlässen mit gewählter Ausdrucksweise zu glänzen. Vor dem Auftritt wurde hierzu auch Gestik, Mimik und Körperhaltung einstudiert, außerdem ein geeigneter Ort für die Präsentation gewählt.

Antike Erkenntnisse bleiben wirksam

Die eigentlichen Ursprünge der Rhetorik liegen also hauptsächlich in ihrer  gesellschaftlichen Funktion. Angefangen mit dem strukturellen Aufbau in Homers’ Erzählungen, bis hin zur Rhetorik in der Alltagskommunikation als Instrument für Standpunktklärung, Überzeugungsarbeit und Argumentation.

Viele Techniken wurden seit der Antike als manipulativ, Argumente als wenig glaubhaft, enttarnt. Im Zeitalter der Aufklärung zum Beispiel verlor die Rhetorik im Alltag erheblich an Bedeutung. Der ethische Anspruch rückte hier mehr und mehr in den Vordergrund, und die Rhetorik musste an Ansehen einbüßen.[15] Am Institut für Allgemeine Rhetorik in Tübingen, wird vielleicht auch deshalb heute noch darüber unterrichtet, die rhetorische Berechnung des Urhebers zu interpretieren und nachzuvollziehen.[16]

In der Kunst und Literatur sieht man die Redekunst nach wie vor als stilistisches Mittel, welches eine bildhafte Sprache sowie eine symbolische Ausdrucksweise ermöglicht.

Die Erkenntnisse der Antike über die Rhetorik sind bis heute gültig. Rhetorik, die Redekunst, ist ein Mittel einem anderen den eigenen Standpunkt zu vermitteln, sodass das Gegenüber diese Meinung als seine eigene annimmt. Der Empfänger glaubt die Wahrheit über den Sender zu erfahren und über seine Absichten und Ansichten aufgeklärt zu werden. Der Empfänger ist der Überzeugung in diesem Moment in der Entscheidung autonom zu handeln.

Die Rhetorik dient dazu geschickt Interesse zu wecken, Anhänger zu finden und Meinungen zu lancieren. Hier liegt der Grundstein für die heutige politische oder etwa alltägliche Auseinandersetzung.

In der Politik sind rhetorische Fähigkeiten ausschlaggebend, um die Wählerschaft erfolgreich zu werben. Ob derjenige der spricht auch der tatsächliche Verfasser der Rede ist, ist heutzutage nicht mehr die Regel. Oftmals stehen professionelle Redenschreiber hinter machtvollen Persönlichkeiten.

Im Bezug auf die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen dienen rhetorische Mittel zu erkennen, wer der andere ist. Das Vokabular, sprachlicher Auftritt, Akzentuierung, aber auch die gesellschaftliche Stellung des Senders von Informationen sind noch heute machtvolle Mittel, um Personen von Meinungen zu überzeugen.

Ausgehend von demokratischen Prozesse in der Antike haben sich rhetorische Mittel herausgebildet. Und auch heute sind wir von Szenen umgeben in denen Menschen manipuliert, fanatisiert, gleichgeschaltet und gesteuert werden. Die Auswirkungen der Rhetorik sind nicht abgeschlossen und beschäftigen die Politik.

[1] Vgl. Lohmann, D. (1970): Die Komposition der Reden in der Ilias. Berlin: De Gruyter. S.1 ff.
[2] Vgl. Ludger J. /  Jedan C. (2010): Philosophische Anthropologie in der Antike. Frankfurt: ontos Verlag. S.70.
[3] Vgl. Kirchner A. / Kirchner B. (1999): Rhetorik und Glaubwürdigkeit. Überzeugen durch eine neue Dialogkultur. Wiesbaden: Gabler. S.28.
[4] Vgl. ebd. S.29.
[5] Vgl. Wilpert, G. (1979): Sachwörterbuch der Literatur. Stuttgart: Kröner. S.204 ff.
[6] Vgl. Kirchner A. / Kirchner B. (1999): Rhetorik und Glaubwürdigkeit. Überzeugen durch eine neue Dialogkultur. Wiesbaden: Gabler. S.32.
[7] Vgl. Kirchner A. / Kirchner B. (1999): Rhetorik und Glaubwürdigkeit. Überzeugen durch eine neue Dialogkultur. Wiesbaden: Gabler. S.33.
[8] Vgl. ebd.
[9] Vgl. Kirchner A. / Kirchner B. (1999): Rhetorik und Glaubwürdigkeit. Überzeugen durch eine neue Dialogkultur. Wiesbaden: Gabler. S.16.
[10] Vgl. ebd. S.35.
[11] Vgl. ebd. S.12.
[12] Vgl. Ueding, G. (2009): http://www.rhetorik.uni-tuebingen.de/gert-ueding/ (Zugriff am: 23.12.2015). S.7ff; 17ff.
[13] Vgl. ebd.
[14] Vgl. Universität Tübingen: http://www.uni-tuebingen.de/uni/nas/definition/rhetorik.htm#_Toc295473371 (Zugriff am: 23.12.2015)
Ihnen gefällt der Artikel?

Leave a comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

GOOGLE
GOOGLE
http://martha-theresa-borst.de/rhetorik-antike
INSTAGRAM